Vagus-Nerv-Stimulation
Bei der Vagus-Nerv-Stimulation handelt es um eine technische Zusatztherapie der Epilepsie, bei der mittels einer so genannten "Neuro-Cybernetischen Prothese" [NCP®-System von Cyberonics (Cybero-nics, Inc., Houston, Texas)] regelmäßige Stromimpulse zum linken Nervus Vagus gesendet werden. Der Nervus Vagus ist einer der 12 Hirnnerven und ist einer der primären ‚Kommunikationslinien' zwi-schen den Hauptorganen des Körpers und dem Gehirn. Er enthält ca. 20 % Nervenfasern die vom Gehirn wegführen und bis zu 80% Fasern, welche zum Gehirn hinführen. Diese letzteren tragen dazu bei, die Stromimpulse zum Gehirn hin zuleiten. Klinischen Studien zufolge tragen diese fortgeleiteten Stromimpulse im Gehirn zu einem hemmenden Effekt bei der Anfallsentstehung und/oder -ausbreitung bei. Hierdurch kann bei einem Teil der Epilepsiepatienten eine Verminderung der Anfallshäufigkeit erreicht werden. Den bisherigen Studien nach zu urteilen, darf man etwa bei jedem zweiten bis dritten Patienten mit einer Verminderung der Anfallshäufigkeit um ein Drittel bis um die Hälfte rechnen.
Technisch handelt es sich bei dieser "Neuro-Cybernetischen Prothese" [NCP®-System] um ein implantierbares medizinisches Gerät, welches aus einem Impulsgenerator und einer Stimulationselektrode besteht; der Generator wird im Bereich des linken Brustmuskels implantiert und die Stimulationselektrode über einige Schlaufen mit dem linken N. Vagus verbunden (siehe nebenstehende Abbildung). Dieses Gerät setzt nun ‚Rund um die Uhr' nach einem entsprechend programmierten Schema regelmäßige Stromimpulse frei. Der Arzt kann jederzeit [völlig unblutig; durch die Haut des Brustkorbes und auch durch Kleidung hinweg] über eine Programmierwand dieses Gerät auf verschiedene Stimulationsparameter einstellen. Begonnen wird üblicherweise zunächst mit einem Impuls von 30 Sekunden Dauer, der alle 5 Minuten freigegeben wird. Je nach Erfolg kann das Impulsregime dann auch auf kürzere Abstände und andere Impulsstromstärken etc. verändert werden. Außerdem hat der Patient (oder Angehörige) noch die Möglichkeit anhand eines mitgegebenen Magneten selber zusätzliche Impulse freizusetzen; zum Beispiel, wenn er ein Vorgefühl wahrnimmt. Theoretisch besteht so die Möglichkeit, auch noch Anfälle zu unterbrechen, die bereits begonnen haben.
Zum Stellenwert der Vagus-Nerv-Stimulation in der Epilepsietherapie hat eine deutschsprachige Ex-pertenkommision folgendes festgehalten: Nach den vorliegenden Daten aus kontrollierten Studien bei Patienten mit pharmakoresistenten fokalen Epilepsien und klinischen Beobachtungern an Patienten mit pharmakoresistenten symptomatischen generalisierten Epilepsien läßt sich derzeit zusammenfas-send feststellen, dass die VNS eine palliative (=begleitende) operative Behandlungsmethode darstellt, die in der Wirksamkeit den neuen Antiepileptika ähnelt, und für Patienten in Frage kommt, die derzeit weder medikamentös noch durch Resektion (= epilepsiechirurgischer Eingriff) erfolgreich behandelt werden können.
Dr. med. Martin Merschhemke, Epilepsie Zentrum Berlin Brandenburg
© Deutsche Epilepsievereinigung gem. e. V.
Letzte Aktualisierung: 23.09.2011
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